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Über Bedürfnis, Wahrnehmung und Bedeutung

Wie Wert entsteht

Der Wert der Dinge liegt nicht in den Dingen

Wert ist keine feste Eigenschaft von Dingen. Er entsteht dort, wo etwas für einen Menschen bedeutsam wird. Die Bibliothek eines Verstorbenen zeigt, dass nicht das Objekt über seinen Wert entscheidet, sondern die Beziehung zu ihm.

Warum werden zwei äußerlich ähnliche Dinge völlig unterschiedlich bewertet? Warum ist etwas für den einen Menschen kostbar, während es für den anderen kaum Bedeutung besitzt? Diese Frage wirkt auf den ersten Blick alltäglich. Aber sie führt unmittelbar in ein philosophisches Grundproblem. Denn sie berührt die Frage, was Wert überhaupt ist.

Im gewöhnlichen Sprechen behandeln wir Wert oft so, als wäre er eine Eigenschaft der Dinge selbst. Wir sagen: Dieses Buch ist wertvoll , dieser Ring ist wertvoll , dieses Bild ist wertvoll. Dieses Möbelstück ist wertvoll. So, als ließe sich der Wert an einem Gegenstand einfach feststellen wie sein Gewicht, seine Größe oder sein Material. Aber schon einfache Erfahrungen sprechen gegen diese Vorstellung. 

Wie Wert entsteht

Die Bedürfnisse eines Menschen lenken seine Wahrnehmung. Die Wahrnehmung wiederum richtet sich auf ein Ding mit Form, Materie und Beschaffenheit. Aus dem Zusammenspiel von Bedürfnis, Wahrnehmung und Ding entsteht die Bewertung, die letztlich die Grundlage von allen Werten ist. Die Infografik zeigt, dass kein Wert  allein im Objekt liegt, sondern immer aus der Beziehung zwischen Mensch, Wahrnehmung und Welt entsteht.

Der Wert der Dinge liegt nicht in den Dingen

[Relationaler Wert]

Relationaler Wert bedeutet, dass Wert nicht als feste Eigenschaft in einer Sache eingeschlossen ist. Er entsteht in der Beziehung zwischen der Sache und einem Wesen, für das diese Sache bedeutsam wird. Diese Bedeutsamkeit kann praktisch, emotional, geistig oder existenziell sein. Wert ist also weder rein objektiv noch bloß subjektiv, sondern relationell.

Wert entstehen individuell. Entscheidend ist, wer in welcher Situation und mit welchem persönlichen Hintergrund (Erfahrung, Lernen, soziales Umfeld usw.) jemand einen Gegenstand betrachtet. 

Beispielsweise hat ein Mensch über Jahrzehnte lang Bücher gesammelt. Er hat sie gelesen, unterstrichen, mit Notizen versehen, immer wieder zur Hand genommen. Manche Bücher haben ihn in bestimmten Lebensphasen begleitet, andere haben sein Denken verändert, wieder andere erinnern ihn an Begegnungen, an Orte, an Zeiten seines Lebens. Die Bibliothek ist für ihn deshalb nicht bloß eine Anhäufung von Gegenständen. Sie ist Teil seiner geistigen Biographie. In ihr verdichten sich Erinnerung, Orientierung, Bildung und Selbstverhältnis. Diese Bibliothek ist ihm unendlich viel wert. 

Stirbt dieser Mensch, kann sich der Sinn dieser Bibliothek schlagartig verändern. Für die Erben mag sie keine geistige Welt mehr sein, sondern nur eine Ansammlung alter Bücher. Wenn sie keinen Bezug zu ihr haben, wenn ihnen weder die Autoren noch die Themen etwas sagen, wenn keine Erinnerung und kein inneres Verhältnis an ihr hängt, dann erscheint dieselbe Bibliothek plötzlich als Last. Sie nimmt Platz weg, sie muss geräumt werden, sie wird verkauft oder komplett entsorgt. Was eben einem Menschen als sein größter Schatz erschien, ist nun bloß noch altes Papier. Aus einem Wert ist ein Ding geworden.

Worin besteht hier der Unterschied? Offenkundig nicht im Material. Die Bücher sind dieselben geblieben. Papier, Einband, Schrift, Umfang – all das hat sich nicht wesentlich verändert. Und doch ist der Wert nicht mehr derselbe. Daraus folgt: Der Wert kann nicht einfach in der Sache selbst gelegen haben. Denn wäre er eine feste Eigenschaft des Gegenstands, müsste er in gleicher Weise bestehen bleiben, unabhängig davon, wer auf ihn blickt und in welcher Situation er erscheint.

Sachen an sich sind solange bedeutungslos, bis ihnen ein Mensch einen Wert gibt. Sachen tragen keinen Wert in sich. Wert entsteht allein in Beziehung zu einem Menschen, der eine Sache als wertvoll anerkennt. Wert entsteht, wenn die Sache  in Bezug auf ein Bedürfnis, eine Erfahrung, eine Erinnerung oder eine Orientierung bedeutsam wird.  Ihr bloßes Vorhandensein erzeugt keinen Wert, sondern nur die Relevanz, die sie für einen Menschen haben.

Denn ein Produkt kann technisch überlegen, teuer, aufwendig produziert und funktional sein und dennoch an Wert verlieren. Nicht weil es schlechter gebaut wäre, sondern weil Herstellung und Wert nicht (mehr) dasselbe sind.

Wert entsteht eben nicht im Produkt. Er entsteht dort, wo für Menschen ein Unterschied relevant wird und diese Relevanz sozial anschlussfähig ist. Ein Angebot wird nicht allein dadurch wertvoll, weil vorhanden ist, sondern weil es als bedeutsam wahrgenommen wird,  weil es entlastet, Orientierung gibt, Zugehörigkeit stiftet, Status markiert, Zeit spart oder mit individuellen Überzeugungen vereinbar ist.

Existenz ist nicht dasselbe wie Wert

Damit ist eine erste begriffliche Klärung getroffen. Wert ist nicht einfach Sein. Dass etwas ist, bedeutet noch lange nicht, dass es wertvoll ist. Es besteht also ein Unterschied zwischen Existenz und Wert.

Ein Stein liegt am Weg. Er ist da. Aber erst in einem bestimmten Zusammenhang kann er etwas bedeuten: als Werkzeug, als Fundstück, als Erinnerungszeichen, als Symbol, als Gefahr oder als Schmuck. Die Tatsache, dass er existiert, ist von der Frage zu unterscheiden, was er für jemanden bedeutet.

Die Erkenntnis, dass Wert relational entsteht, führt nicht in Beliebigkeit. Nicht jede zufällige Laune verleiht einer Sache bereits Wert. Damit eine Sache wertvoll wird, muss es für einen Menschen in bestimmter Hinsicht wirklich relevant sein. Sie muss sich von anderen Sachen unterscheiden und sie muss zu einem Bedürfnis, einer Erfahrung oder einer Form des Verstehens in Beziehung treten.

Hier wird das Wort Bedürfnis wichtig, sofern man es nicht zu eng versteht. Bedürfnis meint nicht nur Hunger, Schutz oder praktischen Nutzen. Menschen leben nicht allein von materieller Versorgung. Sie leben auch von Erinnerung, Erkenntnis, Nähe, Sprache, Orientierung, Form, Schönheit und Sinn. Ein Buch kann wertvoll sein, nicht weil man es essen oder gegen Kälte verwenden könnte, sondern weil es einen Gedanken erschließt, einen inneren Zustand klärt oder eine vergangene Beziehung bewahrt. Das Bedürfnis, um das es hier geht, kann also ebenso geistig oder existenziell sein.

Wahrnehmung als Bedingung von Wert

Bevor eine Sache als wertvoll betrachtet werden kann, muss ein Mensch sie wahrnehmen. Eine Ding Sache kann nur dann wertvoll werden, wenn sie überhaupt als relevant wahrgenommen wird. Wert setzt deshalb nicht bloß Bedürfnis voraus, sondern auch eine Form des Erkennens. Ein Mensch muss mit seinen Sinnen wahrnehmen können, was an einer Sache bedeutsam ist. Wer nie erfahren hat, was Bücher für ein Leben bedeuten können, wird in einer Bibliothek vielleicht nur bedrucktes Papier sehen. Wer in ihnen Denkwege, Stimmen, Welten und Lebensspuren erkennt, nimmt etwas anderes wahr. Dieselbe Sache erscheint in einem anderen Bedeutungsraum.

Wahrnehmung ist keine neutrale Aufnahme dessen, was da ist. Sie ist selektiv. Der Mensch nimmt nicht alles gleichermaßen wahr, sondern richtet seine Aufmerksamkeit auf das, was für ihn in einer bestimmten Situation hervortritt.

Das Thema Wahrnehmung reicht von der Antike bis in die Gegenwart

Schon die philosophische Diskussion über Aufmerksamkeit beschreibt Wahrnehmung daher nicht als bloßes Registrieren von Umweltreizen, sondern als eine Form gerichteter Auswahl auf bestimmte Dinge [1] Auch die aktuelle Empirische Forschung stützt diese Einsicht. Ziereis et al.[2] beschreiben, dass Relevanz, Selbstbezug, Aufgabenbezug und Erwartung großen Einfluss darauf haben, worauf ein Mensch seine Aufmerksamkeit richtet und wie diese Reize in seinem Körper verarbeitet werden.

Darum genügt es nicht zu sagen, dass eine Sache erst nachträglich durch Wahrnehmung und Bedürfnis bedeutsam wird. Präziser ist der Gedanke, dass Bedürfnis und Relevanz bereits strukturieren, was überhaupt als bedeutsam in Erscheinung tritt. Wer nach Orientierung sucht, sieht in einem Buch womöglich einen Denkweg. Wer nur Platz schaffen muss, sieht im selben Buch eher einen Gegenstand unter vielen. Das Material bleibt gleich; aber die Relevanz lenkt die Wahrnehmung, und die Wahrnehmung erschließt entsprechend eine andere Bedeutung.[3]

Damit wird klar, weshalb  der Wert nicht in einer Sache allein liegen kann. Wert entsteht nicht erst am Ende eines neutralen Wahrnehmungsprozesses. Er entsteht in einer Beziehung, in der die Wahrnehmung schon von Interessen, Erfahrungen, Erwartungen und Bedürfnissen mitgeführt ist. Neuere Arbeiten zu Aufmerksamkeit und prädiktiver Verarbeitung beschreiben genau diese Vorstrukturierung: Wahrnehmung ist kein passives Abbilden, sondern ein selektiver, von Relevanz und Erwartung mitgeprägter Vollzug.[4] Gerade deshalb kann dasselbe Ding für verschiedene Menschen in sehr unterschiedlicher Weise wertvoll, belanglos oder sogar belastend erscheinen.

Darin liegt ein wesentlicher philosophischer Punkt. Der Mensch lebt nicht in einer bloßen Ansammlung neutraler Gegenstände. Er lebt in einer Welt von Bedeutungen. Dinge erscheinen ihm nicht nur als vorhanden, sondern als hilfreich, schön, fremd, kostbar, unerquicklich, erinnerungsträchtig oder gleichgültig. Diese Dimension des Als-etwas-Erscheinens gehört nicht nachträglich zu den Sachen hinzu. Sie ist grundlegend dafür, wie Wert überhaupt möglich wird.

Wichtige Unterscheidungen

Diese Ausführungen sind notwendig, damit verständlich wird, weshalb zwischen Material und Wert, Nutzen und Wert, und Preis und Wert zu unterscheiden ist.

Die Unterscheidung sind philosophisch notwendig, weil sie verschiedene Ebenen der Wahrnehmung betreffen. Das Material sagt, woraus eine Sache besteht. Der Nutzen beschreibt, wozu eine Sache dient. Ein Preis erfasst, wieviel (quantitativ)  für eine Sache bezahlt wird.  Der Wert beschreibt, wie bedeutsamen die Beziehung zwischen der Sache und den Menschen ist. Er berührt damit eine tiefere Ebene des Werteverständnisses.

Viele Menschen sehen Preis und Wert als synonym. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb die Frage nach dem Wert immer wieder verfehlt wird. Man sucht den Wert entweder zu sehr im Objekt oder zu sehr im Subjekt. Entweder erscheint er als feste Eigenschaft des Dings oder als bloßes Gefühl des Einzelnen. Beides greift zu kurz. Der Wert ist weder einfach objektiv wie eine messbare Beschaffenheit noch bloß subjektiv wie eine beliebige Stimmung. Er ist relational. Er entsteht zwischen dem, was ist, und dem, für den es etwas bedeutet.

Wert als bedeutsamer Unterschied

Vielleicht lässt sich deshalb sagen: Wert entsteht dort, wo ein wahrgenommener Unterschied für ein Bedürfnis bedeutsam wird. Eine Sache ist wertvoll, wenn sie einen Zustand nicht einfach nur faktisch verändert, sondern in einer Weise verändert, die für einen Menschen zählt. Ein Glas Wasser hat Wert für den Durstigen. Ein Brief hat Wert für den Trauernden. Ein Gedanke hat Wert für den Suchenden. In jedem Fall liegt der Wert nicht isoliert im Ding und auch nicht bloß im Inneren des Subjekts. Er entsteht in einer Beziehung, in der etwas als bedeutsam erfahren wird.

Die Bibliothek als Grenzfigur

Eine Bibliothek macht den Begriff „Bedeutung“  besonders klar, weil sie eine Grenzfigur ist. Sie ist materiell vorhanden, doch ihr eigentlicher Wert liegt nicht in ihrem Papierbestand. Ihr Wert liegt in der lebendigen Beziehung, die ein Mensch zu ihr aufgebaut hat. Sie ist Gedächtnis, Gespräch, Selbstverständigung, geistiger Aufenthaltsort. Sobald diese Beziehung wegfällt, bleibt zwar das Material, doch ihr Wert zerfällt. Dieses Phänomen ist ein Hinweis auf die Struktur des Wertes selbst.

[Bedeutung]

Bedeutung ist mehr als bloßes Vorhandensein. Eine Sache bekommt Bedeutung, wenn sie für jemanden in einem verstehbaren Zusammenhang steht und deshalb nicht gleichgültig ist. Bedeutung ist die Voraussetzung dafür, dass Wert entstehen kann. Was nichts bedeutet, kann zwar existieren, aber nicht  als wertvoll erscheinen.

Die Grundfrage menschlicher Weltbeziehung

Die Frage „Was ist Wert überhaupt?“ ist keine Nebensache. Sie betrifft die Grundform menschlicher Weltbeziehung. Denn der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das vorfindet, was da ist. Er ist ein Wesen, das unterscheidet, deutet, erinnert und gewichtet. Gerade darin liegt die Möglichkeit des Werts. Eine Sache  wird nicht wertvoll, weil sie einfach da ist. Sie wird wertvoll, wenn sie durch eine Beziehung Bedeutung gewinnt.

Die Frage nach dem Wert muß genau deshalb neu gestellt werden: nicht von der Sache her, sondern von der Beziehung her, in der eine Sache für ein menschliches Leben bedeutsam wird.

Die Erkenntnis, dass der Wert von Dingen nicht in den Dingen manifestiert ist,  ist  mehr als eine begriffliche Korrektur.

Sie verändert den Blick auf die Welt. 

Wenn Wert durch und in Beziehung zwischen Subjekt und Objekt entsteht, dann ist eine wertvolle Welt nicht einfach eine Welt in der sich möglichst viele Dingen befinden. Sie ist eine Welt, in der Dinge, Wahrnehmung, Erfahrungen und Bedeutungen  in  Beziehungen zueinander treten. Eine Welt also, in der nicht nur viel  vorhanden ist, sondern in der Dinge vorhanden sind, die etwas für jemanden zählen.

Abstract

Lorem Ipsum

Kurze Antworten auf viele Fragen

Wert liegt nicht einfach im Ding selbst. Er entsteht dort, wo etwas für einen Menschen in einem bestimmten Zusammenhang Bedeutung gewinnt — praktisch, emotional, geistig oder existenziell. Wert ist daher weder eine feste Eigenschaft des Objekts noch bloß ein beliebiges Gefühl. Er entsteht relational: im Verhältnis von Wahrnehmung, Bedürfnis und Welt.

Weil Wert nicht allein vom Gegenstand abhängt, sondern von der Bedeutung, die er in einer Beziehung gewinnt. Was für den einen mit Erinnerung, Orientierung, Erfahrung oder Bedürfnis verbunden ist, kann für den anderen ohne Relevanz bleiben. Nicht das Material allein entscheidet über den Wert, sondern der Zusammenhang, in dem etwas wahrgenommen, eingeordnet und als bedeutsam erfahren wird.

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Wer Wert nicht nur als Preis, Nutzen oder Eigenschaft versteht, sieht auch Unternehmen, Märkte und gesellschaftliche Verschiebungen aus einer anderen Perspektive. Weitere Gedanken dazu finden sich hier im Denkraum Ecosophie, oder in einem guten Gespräch.